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Schornstein im Neubau: Warum Experten ihn wieder empfehlen

Schornstein im Neubau: Warum Experten ihn wieder empfehlen

Wärmepumpe, Photovoltaik, elektrische Heizsysteme – bei der Planung neuer Wohnhäuser stehen heute meist strombasierte Lösungen im Mittelpunkt. Ein klassischer Schornstein wirkt da für viele Bauherren wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Doch einige Fachleute sehen das anders. Sie plädieren dafür, Schornsteine wieder stärker in der Bauplanung mitzudenken – nicht als Pflicht, sondern als strategische Option für die Zukunft.

Neubau ohne Schornstein: Ein Risiko?

„Wenn ein Gebäude für 50 oder 60 Jahre gebaut wird, sollte man sich fragen, ob man wirklich komplett von einer einzigen Energieform abhängig sein möchte“, sagt Jürgen Böhm von der Europäischen Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft (EFA).

Ein Schornstein könne genau hier ansetzen: Er schaffe die bauliche Voraussetzung, später eine alternative Wärmequelle zu integrieren – etwa eine Feuerstätte.

Das bedeute nicht, dass sofort ein Ofen eingebaut werden müsse. Entscheidend sei vielmehr, die Möglichkeit offen zu halten.

Beispiel Norwegen: Alternative Wärmequelle vorgeschrieben

Ein Blick nach Norwegen zeigt, dass das Thema Versorgungssicherheit auch baurechtlich berücksichtigt werden kann. Dort müssen Neubauten unter bestimmten Voraussetzungen neben rein elektrischen Heizlösungen eine alternative, nicht-elektrische Wärmequelle vorsehen.

Der Hintergrund ist vor allem das kalte Klima und das damit verbundene Bewusstsein für Beheizungssicherheit.

Auch wenn die Situation in Deutschland anders ist, sehen manche Experten darin einen interessanten Ansatz für die Diskussion über resiliente Gebäude.

„Energetische Lebensversicherung“ für Gebäude

Aus Sicht von Böhm ist der Schornstein mehr als nur ein optionales Bauteil.

„Ein Schornstein ist die energetische Lebensversicherung eines Gebäudes. Er ist das Rückgrat der Haustechnik“, sagt er.

Fehlt dieses „Rückgrat“, seien viele Optionen von vornherein ausgeschlossen. Mit einer passenden Abgasanlage könne dagegen später ein Ofen oder eine andere nicht-elektrische Heizlösung nachgerüstet werden.

Auch das Stromnetz könnte profitieren

Neben der Sicherheit einzelner Gebäude sehen Fachleute auch Vorteile für das Energiesystem insgesamt.

Wenn viele Häuser zumindest theoretisch die Möglichkeit hätten, zeitweise auf alternative Wärmequellen umzusteigen, könnte das in Zeiten hoher Stromnachfrage das Netz entlasten.

Dezentrale Feuerstätten könnten so helfen, Lastspitzen abzufedern – auch wenn sie kein Ersatz für eine stabile Energieinfrastruktur sind.

Entscheidend ist die Qualität

Der Begriff „Notschornstein“ wird in der Diskussion häufig verwendet. Experten halten ihn allerdings für irreführend.

Ein moderner Schornstein sei kein reines Krisenelement, sondern Teil einer langfristigen Gebäudestrategie. Entscheidend sei jedoch die Qualität der Planung.

Ein rein formaler Schacht ohne technische Eignung bringe wenig. Nur eine fachgerecht geplante und geprüfte Abgasanlage ermögliche es, später unterschiedliche Heizsysteme sicher zu betreiben.

Resilienz funktioniert nur mit praktikablen Lösungen

Ein weiterer Punkt ist die Alltagstauglichkeit. Ein Schornstein allein reicht nicht aus – wer im Ernstfall unabhängig heizen möchte, braucht auch eine passende Feuerstätte.

Viele moderne Feuerstätten können jedoch problemlos im Alltag genutzt werden, etwa ergänzend zur Zentralheizung. Dadurch entsteht Routine im Betrieb.

„Resilienz entsteht nicht erst im Krisenfall“, sagt Böhm. „Sie entsteht im Alltag.“

Mehr Beratung statt neue Baupflichten?

Sollte das Thema Versorgungssicherheit künftig stärker in der Baupolitik berücksichtigt werden, sehen Experten vor allem Informations- und Förderangebote als sinnvoll.

Eine bessere Energieberatung oder gezielte Förderprogramme könnten Bauherren dabei helfen, den Schornstein von Anfang an als mögliche Option mitzudenken – statt ihn als überflüssigen Zusatz zu betrachten.

Denn viele Entscheidungen über die Flexibilität eines Gebäudes fallen bereits in der Planungsphase.

 

 

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